Herero & Nama — 1904–1908

Der Krieg gegen die Nama (1904–1908): Widerstand, Guerillakrieg und Deportation

Der Krieg gegen die Nama (1904–1908): Widerstand, Guerillakrieg und Deportation

Die Nama und der Herero-Aufstand: Anfängliche Zurückhaltung

Als der Herero-Aufstand im Januar 1904 begann, verhielten sich die verschiedenen Nama-Gruppen unterschiedlich und überwiegend abwartend. Hendrik Witbooi, der Anführer der Witbooi-Nama, hatte Mahareros Bitte nach gemeinsamem Aufstand zunächst abgelehnt.

Diese Entscheidung war nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber dem deutschen Kolonialismus — Witbooi hasste und verachtete die Kolonialherrschaft tief. Sie war das Ergebnis nüchterner taktischer Kalkulation:

  • Ein Aufstand ohne ausreichende Kräfte und Ressourcen war militärisch riskant.
  • Die Witbooi-Nama waren seit der Unterwerfung 1894 vertraglich an die Deutschen gebunden.
  • Jeder offene Bruch bedeutete sofortige Repressalien.

Andere Nama-Gruppen hatten bereits 1903–1904 bei den Bondelswarts erste Erfahrungen mit bewaffnetem Widerstand gemacht und diesen mit einer Niederlage bezahlt. Die Erfahrung abschreckender Niederwerfung wirkte lähmend.


Die Wende: Witboois Entscheidung (3. Oktober 1904)

Der Vernichtungsbefehl als Auslöser

Der Vernichtungsbefehl von Trothas vom 2. Oktober 1904 hatte eine unmittelbare und dramatische Wirkung auf Hendrik Witbooi. Für ihn, der religiöse Botschaften in historischen Ereignissen suchte, war der Befehl offenbar der Moment, in dem keine neutrale Position mehr möglich war.

Am 3. Oktober 1904 — einen Tag nach dem Vernichtungsbefehl — erklärte Witbooi den Bruch des Unterwerfungsvertrags und trat in den bewaffneten Widerstand ein. In einem Rundbrief an andere Nama-Gruppen rief er sie auf, dasselbe zu tun:

Der Zeitpunkt ist gekommen, in dem wir uns alle in diesem Kampf vereinigen müssen. (sinngemäß; vgl. Silvester/Gewald, 2003)

Witboois Entscheidung hatte eine zweifache Bedeutung:

  1. Sie war ein Akt moralischer Konsequenz — er konnte dem Vernichtungskrieg gegen die Herero nicht länger neutral gegenüberstehen.
  2. Sie war strategisch: Als respektierter Führer riss er andere Gruppen mit und veränderte das militärische Gleichgewicht in Südnamibia.

Die Guerillataktik der Nama

Die Wüste als Verbündeter

Die Nama-Krieger kämpften in einem Terrain, das sie seit Generationen kannten: die trockenen Hochflächen, Gebirge und Schluchten des südlichen Namibia. In diesem Gelände war konventionelle Kriegsführung — Artillerie, Kavallerieattacken, Infanterielinien — kaum wirkungsvoll.

Die Guerillataktik der Nama basierte auf drei Prinzipien:

  1. Mobilität: Kleine, schnell bewegliche Einheiten schlugen überraschend zu und verschwanden.
  2. Geländekenntnis: Die Nama wussten, wo Wasser war, welche Wege passierbar waren, wo Hinterhalte möglich waren.
  3. Logistikunterbrechung: Angriffe auf Versorgungskolonnen und Nachschubwege schwächten die deutschen Truppen.

Die Deutschen reagierten mit Strafexpeditionen, Brunnenvernichtung und kollektiver Bestrafung — Methoden, die an den Vernichtungskrieg gegen die Herero erinnerten, aber in einem anderen Gelände und gegen einen agileren Feind einsetzt wurden.


Die großen Anführer des Nama-Widerstands

Hendrik Witbooi (ca. 1830–1905)

Witbooi ist die zentrale Figur des Nama-Widerstands. Er verkörperte die seltene Verbindung von religiöser Überzeugung, politischem Weitblick und militärischer Entschlossenheit. Sein umfangreicher Briefwechsel — in namibischen Archiven erhalten und kommentiert veröffentlicht (Silvester/Gewald, 2003) — zeigt einen Mann, der die Gewalt des Kolonialismus mit unerschütterlicher Klarheit benennt und ihr eine eigene moralische Logik entgegensetzt.

Witbooi fiel am 29. Oktober 1905 in einem Gefecht bei Vaalgras, nahe Gibeon. Er wurde beim Überfall auf eine deutsche Versorgungskolonne tödlich getroffen. Berichten zufolge war er über siebzig Jahre alt und führte die Kämpfer persönlich an.

Sein Tod war ein schwerer Schlag — nicht primär militärisch, da der Kampf weiterging, sondern symbolisch und moralisch. Er ist heute eine der bedeutendsten Figuren der namibischen Nationalgeschichte.

Jakob Morenga: "Der Schwarze Napoleon"

Jakob Morenga (ca. 1875–1907) war in mehrfacher Hinsicht eine ungewöhnliche Figur: Er stammte aus einer Familie mit sowohl Herero- als auch Nama-Ursprüngen und verkörperte damit eine Brücke zwischen beiden bedrängten Völkern. Er war weder Häuptling noch religiöser Führer, sondern ein Guerillakommandant von außerordentlicher taktischer Intelligenz.

Die deutschen Soldaten, die gegen ihn kämpften, nannten ihn bewundernd und erschreckt den "Schwarzen Napoleon". Morenga führte seine Einheiten in einer Reihe spektakulärer Hinterhalte, bei denen er regelmäßig zahlenmäßig und materiell überlegene Kräfte besiegte.

Morenga wurde am 20. September 1907 nicht durch deutsche Truppen getötet, sondern durch britisch-südafrikanische Kräfte in Bechuanaland. Die britische Regierung, die keine Unterstützung antikolonialen Widerstands wollte, ließ ihn verfolgen und töten. Dieser Umstand zeigt, wie eng die Interessen kolonialer Mächte untereinander verknüpft waren — die Solidarität der Hegemonialmächte gegen afrikanischen Widerstand überwog nationale Konkurrenz.

Weitere Anführer

AnführerGruppeBesonderheit
Simon KooperFransman-NamaKämpfte bis Kriegsende; entkam nach Betschuanaland
Cornelius FredericksBethanie-NamaErgab sich unter Versprechen von Straffreiheit; starb auf Shark Island
Hans HendrikWitbooi-NamaFührte den Widerstand nach Witboois Tod weiter

Das Schicksal der gefangenen Nama

Deportation als Strategie

Im Gegensatz zu den Herero, die überwiegend in Lagern im nördlichen und zentralen DSWA interniert wurden, wurden Nama-Gefangene häufig in das Lager auf Shark Island bei Lüderitz deportiert — weit entfernt von ihren Heimatgebieten und in einem Klima, das für Menschen des warmen, trockenen Südens extrem lebensfeindlich war.

Diese Deportation war keine Zufälligkeit. Sie war eine bewusste Strategie der Demoralisierung und Vernichtung:

  • Entfernung von Heimatgebiet und sozialen Netzwerken
  • Internierung unter lebensfeindlichen klimatischen Bedingungen
  • Maximierung der Sterblichkeit durch Kälte, Hunger und Krankheit

Cornelius Fredericks von den Bethanie-Nama hatte sich nach ausdrücklichen Versprechen von Straffreiheit ergeben. Er starb auf Shark Island. Dieses Muster — Versprechen, Deportation, Tod — wiederholte sich bei mehreren Nama-Anführern und ihren Gemeinschaften.


Demographische Folgen für die Nama

Die Volkszählung von 1911 dokumentiert den Bevölkerungsrückgang:

  • Vorkriegsschätzung: ca. 20.000 Nama
  • Zählung 1911: ca. 9.781
  • Rückgang: ca. 51 %

Diese Zahl unterliegt denselben methodischen Einschränkungen wie alle Bevölkerungsschätzungen aus dieser Zeit. Aber die Größenordnung ist gesichert: Etwa die Hälfte der Nama-Bevölkerung starb durch Krieg, Lager, Vertreibung und deren Folgen.


Ende des Widerstands (1907–1908)

Nach dem Tod Morengus im September 1907 kapitulierten die meisten verbliebenen Nama-Gruppen. Einige setzten vereinzelt Widerstand fort; andere versuchten, Verhandlungen zu führen. Deutschland erklärte den Krieg in DSWA 1907–1908 offiziell für beendet.

Das Ende des Krieges bedeutete für die überlebenden Nama keine Rückkehr zu normalen Bedingungen. Sie wurden in das System der Eingeborenenordnungen integriert: ohne Landbesitz, ohne Bewegungsfreiheit, ohne wirtschaftliche Selbstständigkeit — als rechtlose Arbeitskräfte in einem Kolonialsystem, das aus den Ergebnissen des Genozids seinen Nutzen zog.


Verwendete Quellen: Hillebrecht (2003, in Zimmerer/Zeller); Gewald (1999); Olusoga/Erichsen (2010); Silvester/Gewald (2003); Drechsler (1980).