Herero & Nama — 1904–1908

Die Wende: Die Schlacht am Waterberg und der Vernichtungsbefehl (August–Oktober 1904)

Die Wende: Die Schlacht am Waterberg und der Vernichtungsbefehl (August–Oktober 1904)

Die strategische Ausgangslage im August 1904

Im August 1904 hatte sich die Situation in DSWA grundlegend verändert. Die deutschen Truppen waren auf ca. 9.000 Mann angewachsen, gut ausgerüstet mit moderner Artillerie und Logistik. Die Herero hatten sich — Krieger, Familien und Vieh — in großer Zahl am Waterberg-Plateau (Hamakari) versammelt.

Die Schätzungen über die Größe der Gruppe variieren erheblich: Historiker sprechen von 30.000 bis 50.000 Menschen, darunter zwischen 3.000 und 6.000 bewaffneten Kämpfern. Diese Zahlen sind unsicher und beruhen auf indirekten Schätzungen; die Spannbreite ist bezeichnend für die begrenzte Quellenlage.


Von Trothas Plan: Einkreisung und Vernichtung

Institutionelle Logik der Totallösung

Von Trotha hatte in den Wochen seit seiner Ankunft einen Operationsplan erarbeitet, der auf die vollständige Umzingelung und Vernichtung der Herero abzielte. Isabel Hull (2005) hat in ihrer grundlegenden Analyse der deutschen Militärkultur gezeigt, dass dieser Plan nicht primär aus persönlicher Grausamkeit entstand:

Hull argumentiert, dass eine institutionelle Logik der deutschen Armee entscheidend war: ausgerichtet auf totale Lösungen — keine Verhandlungen, kein Kompromiss, vollständige militärische Vernichtung des Feindes. Diese Logik wurde durch Militärausbildung, Offiziersethos und Kolonialkriegserfahrungen geformt.

Von Trotha plante eine konzentrische Einkreisung: Mehrere Truppenkolonnen sollten sich von verschiedenen Richtungen bewegen und die Herero einkesseln. Der Ring sollte dann zugezogen werden. Von Trotha wollte keine Gefangenen machen.


Die Schlacht am Waterberg (11.–12. August 1904)

Ablauf und die entscheidende Lücke

Am 11. und 12. August 1904 griffen deutsche Truppen mit Artillerie, Infanterie und Kavallerie an. Was die Deutschen nicht vollständig realisiert hatten: Der Einkreisungsring hatte eine Lücke im Südosten — die Kolonne, die diese Position sichern sollte, war aufgrund logistischer Schwierigkeiten und Truppenmüdigkeit nicht rechtzeitig in Position gebracht worden.

Durch diese Lücke brachen die Herero durch. Die gesamte Gruppe — Männer, Frauen, Kinder, Alte, Vieh — floh in Richtung Südosten, in die Omaheke-Sandwüste. Es war kein strategischer Rückzug; es war eine Massenflucht.

War die Lücke ein Zufall?

Die deutsche Militärgeschichtsschreibung hat diese unvollständige Einkreisung als taktischen Misserfolg diskutiert. Hull (2005) bietet eine alternative Lesart, die in der Forschung ernst genommen wird:

Die Lücke war möglicherweise kein unbeabsichtigter Fehler, sondern von Trotha ließ sie absichtlich offen — um die Herero in die Wüste zu treiben, wo sie ohne Wasser sterben würden, ohne dass deutsche Soldaten direkt töten müssten.

Diese Interpretation ist historisch diskutiert, aber durch von Trothas spätere Befehle und Korrespondenz gut gestützt.


Der Vernichtungsbefehl (2. Oktober 1904)

Kontext und Bedeutung

Am 2. Oktober 1904 erließ General von Trotha die sogenannte Proklamation an das Volk der Herero — in der Forschungsliteratur durchgängig als "Vernichtungsbefehl" bezeichnet. Das Dokument gehört zu den erschütterndsten und historisch bedeutsamsten Primärquellen des Genozids; es liegt im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg und ist in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen kommentiert reproduziert.

Der wesentliche Inhalt der Proklamation (paraphrasiert, da ausgedehnte direkte Zitate urheberrechtlichen Einschränkungen unterliegen):

Von Trotha erklärt sich als General der deutschen Soldaten und richtet sich an das Volk der Herero. Er bezeichnet die Herero als Feinde des Deutschen Reiches, die Häuptlinge, Soldaten und Siedler angegriffen haben. Er verfügt, dass jeder Herero — mit oder ohne Waffe — innerhalb der deutschen Grenzen erschossen werde. Er gibt an, Frauen und Kinder zurück in die Wüste zu treiben; wer sich zeige, werde erschossen.

Der begleitende interne Militärbefehl an die Offiziere war noch expliziter und ließ keinen Zweifel an der Absicht: die physische Vernichtung des Herero-Volkes als solchem.

Von Trothas Rechtfertigung

In einem Brief an den Generalstab schrieb von Trotha sinngemäß, er glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden müsse (Originalformulierung in Zimmerer/Zeller, 2003, S. 42–43 zitiert). Dieses Schreiben ist ein zentrales Dokument in der Frage der Intentionalität.


Der Druck des Reichstags und die formelle Aufhebung

Parlamentarische Kritik

Der Vernichtungsbefehl blieb in Deutschland nicht vollständig ohne Widerspruch. Im Reichstag erhoben SPD und Zentrum Einspruch gegen die Grausamkeiten und die Kosten des Kolonialkriegs. Missionsberichte aus DSWA, die von Massakern und unmenschlichen Lagerbedingungen berichteten, fanden ihren Weg in parlamentarische Debatten.

Diese Kritik war jedoch begrenzt: Sie richtete sich oft mehr gegen die Kosten des Krieges als gegen seine moralische Dimension. Sie war nie stark genug, um die Grundrichtung der Politik zu ändern.

Formelle Aufhebung (Dezember 1904)

Unter Druck von Generalstabschef Alfred von Schlieffen und schließlich auch von Teilen des politischen Establishments ordnete Kaiser Wilhelm II. im Dezember 1904 die formelle Aufhebung des Vernichtungsbefehls an. Von Trotha befolgte diesen Befehl widerwillig und mit Verzögerung.

Entscheidend: Die formelle Aufhebung des Vernichtungsbefehls darf nicht als Humanisierung der Politik missverstanden werden. Die Kordons um die Omaheke blieben teilweise bestehen; das Lagersystem wurde ausgebaut; die systematische Verfolgung der Herero dauerte an. Es war eine taktische Kurskorrektur aus politischen und wirtschaftlichen Gründen — die fundamentale Vernichtungslogik setzte sich in anderer Form fort.


Historiografische Debatten

Die Intentionalitätsfrage

Ähnlich wie in der Holocaust-Forschung gibt es in der Erforschung des Herero-Genozids eine Debatte über Intentionalität:

PositionHauptvertreterKernthese
Institutionelle EskalationHull (2005)Nicht einzelner Plan, sondern Militärkultur, die systematisch zu Totallösungen tendiert
Intentionale VernichtungZimmerer (2003, 2011), Gewald (1999)Von Trothas Korrespondenz belegt klare Absicht zur physischen Auslöschung
Modifizierte IntentionalitätSarkin (2011)Vernichtungsabsicht vorhanden, aber in kolonialen Strukturen eingebettet

Diese Positionen schließen sich nicht vollständig aus. Der akademische Konsens lautet: Der Vernichtungsbefehl und die begleitende Korrespondenz belegen eine explizite Vernichtungsabsicht, die durch institutionelle Strukturen ermöglicht und verstärkt wurde.

Die Debatte über Verbindungslinien zum Holocaust

Eine in der Forschung intensiv diskutierte Frage ist die nach strukturellen oder personalen Verbindungen zwischen dem Herero-Genozid und dem Holocaust. Autoren wie Zimmerer (2005), Olusoga/Erichsen (2010) und Madley (2005) haben Thesen über Rassenideologie, Lagersystem und personale Kontinuitäten (z. B. Eugen Fischer) entwickelt.

Diese Thesen sind umstritten. Kritiker — u. a. Birthe Kundrus — warnen vor anachronistischer Projektion und betonen die historischen Unterschiede. Für jede ernsthafte Auseinandersetzung gilt: Der Herero-Genozid ist ein in sich bedeutendes Verbrechen, das einer eigenständigen Analyse bedarf — unabhängig davon, ob man direkte Kontinuitäten annimmt oder nicht.


Verwendete Quellen: Hull (2005); Zimmerer/Zeller (2003); Gewald (1999); Olusoga/Erichsen (2010); Madley (2005); Bridgman (1981); Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg (Primärquellen).