Herero & Nama — 1904–1908

Rassenideologie und Kolonialwissenschaft: Pseudowissenschaftliche Grundlagen des Vernichtungskrieges

Rassenideologie und Kolonialwissenschaft: Pseudowissenschaftliche Grundlagen des Vernichtungskrieges

Ideologie und Gewalt: Eine unauflösliche Verbindung

Der Völkermord an Herero und Nama lässt sich nicht allein als militärisches oder politisches Ereignis verstehen. Er war eingebettet in ein ideologisches System, das die physische Vernichtung von Menschen als wissenschaftlich begründet, historisch notwendig und moralisch tolerierbar darstellte.

Dieses System hatte viele Quellen, viele Träger und viele Ausdrucksformen — von der Alltagsüberzeugung der deutschen Siedler bis zur akademischen Theorie der Universitäten. Rassenideologie und Kolonialwissenschaft waren im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts keine Randphänomene. Sie waren in Wissenschaftsinstitutionen, staatliche Strukturen und den öffentlichen Diskurs tief eingebettet.


Der "wissenschaftliche" Rassismus des 19. Jahrhunderts

Entstehung und Institutionalisierung

Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich in Europa und Amerika ein Komplex von Theorien, der als wissenschaftlicher Rassismus bezeichnet wird. Auf Basis einer fehlgeleiteten Anwendung biologischer und anthropologischer Methoden kategorisierten diese Theorien die Menschheit in eine Hierarchie von sogenannten "Rassen", wobei die europäische Bevölkerung — in verschiedenen Varianten als "nordisch", "arisch" oder "germanisch" bezeichnet — als höchste eingestuft wurde.

Wichtige Einordnung: Diese Theorien waren keine marginalen Außenseiterpositionen. Sie wurden in führenden europäischen und amerikanischen Universitäten gelehrt, in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert und in Schulbüchern verbreitet. Ihr pseudowissenschaftlicher Charakter wurde von den meisten Zeitgenossen nicht erkannt oder nicht problematisiert. Die Kritik an ihnen kam vor allem von marginalisierten Gruppen, die von diesen Theorien betroffen waren.

Sozialdarwinismus und Kolonialismus

Der Sozialdarwinismus — die (falsche) Anwendung von Darwins Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften — lieferte eine scheinbar naturwissenschaftliche Grundlage für kolonialen Expansionismus: Wenn der "Kampf ums Dasein" ein Naturgesetz war, dann war die Unterwerfung oder Vernichtung "schwächerer Rassen" durch "stärkere" nicht nur akzeptabel, sondern angeblich natürlich und unausweichlich.

Diese Kombination aus Rassismus und Sozialdarwinismus prägte den ideologischen Kontext, in dem deutsche Offiziere, Beamte und Siedler ihre Entscheidungen in DSWA trafen.


Koloniale Rassenideologie in DSWA: Alltagspraxis

Die Praxis der Entmenschlichung

In der Praxis bedeutete diese Ideologie für das Leben in DSWA: Einheimische Menschen wurden nicht als gleichwertige Personen angesehen. Sie galten als biologisch, kulturell und intellektuell minderwertig — als "niedere Rassen", die der "Zivilisierung" bedurften, aber im Grunde unfähig waren, echte Zivilisation zu erreichen.

Diese Haltung war keine bloße theoretische Überzeugung. Sie strukturierte:

  • den Alltag der Kolonialgesellschaft (Anrede, Bewegungsfreiheit, Rechtsstatus)
  • Gerichtsentscheidungen (Konflikte zwischen Weißen und Schwarzen wurden systematisch zugunsten der Weißen entschieden)
  • Presseberichte (Einheimische werden als "Wilde" oder "Feinde" dargestellt)
  • Militärische Befehle (der Vernichtungsbefehl ist ohne diese Grundlage kaum formulierbar)

Von Trotha artikulierte in seiner Korrespondenz eine explizite Rassenüberzeugung: Für ihn waren Herero keine Menschen mit gleichen Rechten, sondern eine biologisch definierte Feindgruppe, deren Vernichtung die "überlegene Rasse" ermächtigte, das Land ungestört zu nutzen.


Eugen Fischer: Kolonialer Rassenforscher und NS-Ideologieproduzent

Person und Forschungen

Eugen Fischer (1874–1967) ist die wichtigste personale Verbindungsfigur zwischen der deutschen Kolonialrassenforschung und der nationalsozialistischen Biopolitik. Fischer war Freiburger Mediziner und Anthropologe; er führte 1907–1908 Feldforschungen in Rehoboth (DSWA) unter den Rehobother Basters (Nachkommen von Khoekhoe-Frauen und weißen Männern) durch.

Seine 1913 publizierte Monografie Die Rehobother Bastards und das Bastardierungsproblem beim Menschen (Gustav Fischer Verlag, Jena) gilt als ein zentrales Werk der kolonialen Rassenbiologie.

Fischer:

  • klassifizierte die Bevölkerung nach rassischen Kriterien
  • dokumentierte Körpermaße, Hautfarben und phänotypische Merkmale
  • schloss daraus, dass "Rassenkreuzungen" zu einer Degeneration des "höherwertigen" Teils führten

Diese Schlussfolgerungen hatten keine wissenschaftliche Grundlage — sie waren Projektionen einer vorgefassten Rassenideologie auf empirische Daten.

Kritischer Hinweis: Fischers Werk ist keine wissenschaftliche Quelle und darf nicht als solche zitiert werden. Es ist eine pseudowissenschaftliche Primärquelle, die im heutigen Kontext ausschließlich als historisches Dokument des Rassismus analysiert wird.

Fischers weiterer Werdegang

JahrPosition / Ereignis
1913Publikation der Rehobother-Studie
1919Professor in Freiburg
1927Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin
1933Rektor der Berliner Universität unter dem NS-Regime
1921Koautor: Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (mit Baur und Lenz) — dieses Werk wurde von Hitler in Festungshaft gelesen

Fischer war Lehrer von Josef Mengele und gehörte zu den einflussreichsten Rassenbiologen des NS-Regimes. Diese personale Kontinuität zwischen DSWA-Kolonialforschung und NS-Biopolitik ist historisch belegt.


Schädelsammlungen: Die Kriminalisierung des toten Körpers

Knochenraub als Teil des Systems

In den deutschen Konzentrationslagern in DSWA wurden Schädel und andere Körperteile von Hingerichteten und Verstorbenen systematisch gesammelt, präpariert und in wissenschaftliche Institutionen nach Deutschland gesandt:

  • Berliner Charité (Medizinische Fakultät)
  • Universität Freiburg (Anatomisches Institut)
  • Universität Hamburg und andere

Besonders erschreckend sind Berichte, in denen Gefangene gezwungen wurden, die Köpfe von Hingerichteten zu entfleischen und zu präparieren — eine ultimative Form der Entmenschlichung, die das Verhältnis zum eigenen Tod und zum Tod der Gemeinschaft fundamental veränderte.

Diese Schädel wurden als vermeintliche Belege für rassenbiologische Theorien verwendet und in Lehrveranstaltungen und Ausstellungen eingesetzt.


Die Kontinuitätsdebatte: Herero-Genozid und Holocaust

Argumente für eine Kontinuität

Eine Reihe einflussreicher Historiker hat Argumente für strukturelle oder personale Verbindungen zwischen dem Herero-Genozid und dem Holocaust entwickelt:

Jürgen Zimmerer (2003, 2005, 2011): Vernichtungsideologie, Lagersystem und die Kategorie des Lebensraums entwickelten sich im Kontext des deutschen Kolonialismus.

Benjamin Madley (2005, in European History Quarterly): Deutsche Kolonien dienten als Laboratorien für Ideen und Methoden, die später im NS-Kontext angewendet wurden.

Olusoga/Erichsen (2010): Personale Verbindungen (Fischer u. a.) und konzeptuelle Kontinuitäten des Lagersystems.

Kritische Einwände

Diese Thesen sind in der Fachgemeinschaft substanziell diskutiert und teilweise bestritten:

  • Die Kontexte sind grundlegend verschieden: Der NS-Völkermord war industriell, bürokratisch, zentralisiert und auf ein Ausmaß ausgelegt, das mit DSWA nicht direkt vergleichbar ist.
  • Die Gefahr des Anachronismus: Rückwirkend konstruierte Verbindungslinien können zu falschen Kausalitäten führen.
  • Die Einzigartigkeit des Holocaust: Betonung von Kontinuitäten darf die Singularität des Holocaust als Verbrechen nicht untergraben.

Für den Schulkontext gilt: Unabhängig von dieser Debatte ist der Herero-Nama-Genozid ein in sich selbst bedeutendes, vollständig dokumentiertes Verbrechen, das eine eigenständige und vollständige historische Analyse verdient — nicht nur als "Vorläufer" von etwas anderem. Die Debatte über Kontinuitäten ergänzt das Verstehen, ersetzt es aber nicht.


Verwendete Quellen: Zimmerer (2011); Madley (2005); Olusoga/Erichsen (2010); Fischer (1913, als kritische Primärquelle); Langbehn/Salama (2011); Hull (2005).